Pinhole Stories

Langzeitbelichtungen  mit einer Camera Obscura

„Die Erinnerung wirkt wie das Sammlungsglas in der Camera obscura: Sie zieht alles zusammen und bringt dadurch ein viel schöneres Bild hervor, als sein Original ist.“

(Arthur Schopenhauer, Aphorismens zur Lebensweisheit, 1851)

Gerade zu voyeuristisch erscheinen die Aufnahmen auf den Betrachter. Sie zeigen Szenen aus dem Zuschauerraum eines Theaters. Bei genauerer Betrachtung erkennt man keine Schauspieler, nur die verwischten Geisterschemen ihrer verkörperten Rollen. Die satten Farben und starken Kontraste geben den Fotografien eine besondere Anmutung und Ästhetik. Sie zeigen alle Szenen einer Theateraufführung heruntergebrochen auf einem einzigen Negativ. Nur die Bilduntertitel geben einen Aufschluss auf das jeweilige Theaterstück.

Dem Betrachter stellt sich die Frage nach der Vergänglichkeit und der Erinnerung.
  • Was bleibt am Ende von einem Theaterstück übrig?
  • Was passiert, wenn man den Zeitraum eines kompletten Theaterstücks auf ein Negativ bannt.
  • Welche Elemente bekommen auf einmal eine wesentliche Bedeutung, die während des Stücks vom Zuschauer eher als nebensächlich empfunden werden?

Diese und andere Fragen habe ich mir bei der Planung meines Projekts „Pinhole Stories“ gestellt. Welche Elemente bekommen eine Gewichtung, und wie wird ein Theaterstück visuell dargestellt, wenn man den Zeitraum bündelt, wie in einem Sammelglas, und alles auf einem analogen Negativ fixiert.

Fakt ist: Ohne diese Elemente würde das komplette Stück nicht funktionieren. Licht-, Ton- und Bühnentechnik sowie Bühnenbild sind ebenso relevant für das gute Gelingen eines Theaterstücks, wie die schauspielerische Leistung selbst. Nur mit dem Zusammenspiel kann für den Zuschauer ein einmaliges Erlebnis der besonderen Art geboten werden. 

Hierbei handelt es sich um Kunst – die Kunst der Unterhaltung.

Nun geht es an die Umsetzung mit der Pinhole Camera

 

Da das Theater die ursprünglichste aller Unterhaltungsformen ist, habe ich mich für eine sehr alte analoge Kameratechnik, der Camera Obscura, entschieden.

Sebst Aristoteles nutzte bereits diese Kameratechnik, um Porträts und Landschaftsgemälde zu malen. Diese Technik gilt als Ursprung der Fotografie, bevor diese auf Materialien fixiert werden konnte.

Heutzutage kann man die Fotografien fixieren, ich habe mich hier für einen Farbfilm entschieden – im Mittelformat.

Ich habe für diese kreative Arbeit eine Pinhole Camera, oder auch Camera Obscura genannt, benutzt. Eine Kamera ohne eine Linse, nur mit einer winzig kleinen Öffnung, die es ermöglicht, Aufnahmen mit sehr langen Belichtungszeiten umzusetzen. So entstehen die Bewegungsschlieren und Geisterschemen der Schauspieler und obwohl keine geschliffene Linse vorhanden ist, erscheinen die Aufnahmen geradezu scharf. Aber genau dieser minimale Unschärfeanteil und das Rauschen geben den Fotografien eine besondere Ästhetik.

Der Standort der Kamera spielt auch eine wichtige Rolle

Das Licht und das Bühnenbild bekommen einen höheren Stellenwert bei meinen Fotografien, da durch diese Langzeitbelichtung der Fokus auf diese Elemente gelenkt wird. Die Farben der Bühnenbeleuchtung verschmelzen durch diese lange Belichtungszeit und ergeben ein für den Betrachter neues Farbspektrum. Die Formen des Bühnenbild verwischen und verändern sich im Laufe der Belichtung und ergeben so neue Strukturen und Elemente in den Fotografien. Auch hier entstehen Geisterbilder und Schemen und manchmal sogar etwas vollkommen Neues.

Den Standort aus dem Publikumsbereich habe ich gewählt, um die Perspektive des Zuschauers zu erhalten und Identifizierung zu erzeugen.

Die Fotografien vereinen zwei Kunstformen miteinander zu einer neuen Form. Fotografie und Theater als ein bleibendes bestehendes Werk auf einem Negativ.

Resumee für den Betrachter

Wer sich eins der dargestellten Theaterstücke angesehen hat, wird überrascht sein, in welcher Form ihm das bereits bekannte Stück nun optisch dargeboten wird. Es wirkt anders als in seiner Erinnerung, dennoch wird diese aufgrund der doch prägnanten Bühnenelemente wieder hervorgerufen.

Selbst derjenige, der sich die Stücke nicht angesehen hat, wird von der bunten Vielfalt der Motive und deren surrealen Ästhetik gefangen genommen.

Wie Schopenhauer in seinem Zitat deutlich auf den Punkt bringt, ist das, was dann entsteht, viel schöner als das Original.

Hier sind analoge Fotografien entstanden, die etwas Vergängliches visuell widerspiegeln.

Und ist es nicht das, was am Ende übrigbleibt? Die Erinnerung an etwas Vergängliche?

Mit dieser Aufnahmetechnik kann man die Erinnerung wie in einem Sammelglas bündeln und auf einem Foto fixieren und immer wieder hervorrufen.

Die Fotografien geben dem Betrachter eine Möglichkeit in seinen Erinnerungen zu schwelgen, den Denkansatz der Vergänglichkeit zu verfolgen oder einfach nur das Theater und die Fotografie zu genießen.

Danke an die Theater für die Unterstützung

Die Aufnahmen und auch die Ausstellung wären ohne die gute Kooperation mit dem Schlosstheater Moers und dem Theater Krefeld Mönchengladbach nicht möglich gewesen. Ohne diese gute Zusammenarbeit wäre mein Projekt nicht umsetzbar gewesen und ich möchte mich dafür herzlich bedanken.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.